Stark inhaltliches Konzept

Einerseits stellt man beim großen Publikum im In- und Ausland eine Wiederentdeckung der meditativen Kraft und der musikalischen Erhabenheit des Gregorianischen Gesangs fest.
Andererseits bewegt sich das musikalische Ausführungsniveau - bei Amateurgruppen sowie bei semi-professionellen und professionellen Scholen - weltweit mit raschen Schritten vorwärts. In zahlreichen Musikhochschulen und Konservatorien wird die wissenschaftliche Erschließung der Handschriften des Gregorianischen Chorals vorangetrieben. Diese Ergebnisse gehen in die Chorpraxis der vielen neu gegründeten Scholen über.
Es ist das große Verdienst der Initiatoren des Festivals, dass sie diese beiden Phänomene berücksichtigen und ein internationales Begegnungs- und Informationsforum errichtet haben, auf dem diese musikalischen Errungenschaften von den besten spezialisierten Chören der Welt einem breiten Publikum vorgestellt werden.
In seinem mehr als dreissigjährigen Bestehen ist das Festival durch seine kontinuierliche Arbeit als einzigartiges Begegnungsforum in der Welt für eine solche Manifestation bekannt geworden. Dieser Ruf verpflichtet. So soll das Festival auch bei den kommenden Editionen einen umfassenden Einblick in die gegenwärtige Chorpraxis des Gregorianischen Chorals bieten, Sammelstelle der neuesten wissenschaftlichen Forschungsergebnisse und Ort der Begegnung bleiben. Im Zentrum bleibt die in Klang gehüllte spirituelle Kraft der geistlichen Texte.
Ein Austausch aller Teilnehmenden soll nicht nur durch die Begegnung im Konzert ermöglicht werden, sondern auch im persönlichen Miteinander während des Festivals. In jedem Festival ist außerdem immer ein Seminar eingeplant, wobei die Ausführungen durch Gesangbeiträge von Gastscholen illustriert werden.

Aber ein festliches Ereignis ist es auch. Reiche sind – dem Anschein nach – weniger zu sehen, aber Schöne wohl, im Sinn der Definition durch Thomas von Aquin, der die Schönheit als Glanz der Wahrheit definierte : pulchritudo est splendor veritatis. Aus den Gesichtern der Sängerinnen und Sänger spricht neben der selbstverständlichen Konzentration die Freude der Gestaltung. Und es ist unübersehbar, wieviel junge und jüngere Menschen die Sängergruppen bilden und erleben lassen, dass Gregorianischer Choral bei ihnen, die das Lob Gottes und die Bitten der Menschen einstimmig in lateinischer Sprache singen, einen guten Platz gefunden hat.
Wie fast jedes Festival hat auch das von Watou für seinen Gegenstand etwas Künstliches an sich : Viele Stunden lang wird hier an jedem Tag Gregorianischer Choral gesungen, ein oder zweimal am Tag an seinem angestammten Platz in Gottesdiensten, zusätzlich in Konzerten, von denen die am Vor- und Nachmittag „Auditionen“ genannt werden – es soll damit angedeutet werden, dass diese Gesänge keine Konzertmusik sind. Aber: Gäbe es dieses Festival nicht schon, müsste man es erfinden. Denn hier hat man die Gelegenheit, Scholen aus aller Welt zu treffen, eine Fülle bekannter und bisher „unerhörter“ Gesänge zu hören und unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten zu erleben sowie regional und herkunftsbedingte Unterschiede.